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MdE berechnen: Tabelle, Formel und Verletztenrente (2026)

Kevin Pink, LL.B.6. Juli 20268 Min. Lesezeit
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MdE-Tabelle, Rentenformel und was Sie tun können, wenn die Berufsgenossenschaft Ihre Minderung der Erwerbsfähigkeit zu niedrig einschätzt.

Die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) ist der Prozentwert, mit dem die Berufsgenossenschaft nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit misst, wie stark die Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beeinträchtigt ist — sie ist die Grundlage für die Höhe Ihrer Verletztenrente. Wer die Berechnung nicht kennt, akzeptiert oft einen zu niedrigen MdE-Grad und verschenkt bares Geld.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist die MdE genau?
  2. MdE-Tabelle: Werte für häufige Verletzungen
  3. Ab welcher MdE gibt es überhaupt Verletztenrente?
  4. Verletztenrente berechnen: Die Formel mit Beispiel
  5. Wer setzt die MdE fest — und wie zuverlässig ist das?
  6. MdE zu niedrig eingeschätzt: Was jetzt zu tun ist
  7. Häufige Fragen

Was ist die MdE genau?

Die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) ist der in Prozent ausgedrückte Grad, um den sich die Möglichkeit verringert hat, auf dem gesamten Arbeitsmarkt Einkommen zu erzielen — unabhängig vom konkret ausgeübten Beruf. Rechtsgrundlage ist § 56 Abs. 2 Sozialgesetzbuch VII (SGB VII). Bewertet wird nicht der Gesundheitsschaden selbst, sondern seine Auswirkung auf die Erwerbsfähigkeit im Vergleich zum Zustand vor dem Unfall.

Wichtig für das Verständnis: Die MdE fragt nicht "Können Sie noch Ihren alten Beruf ausüben?", sondern "Wie stark ist Ihre Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beeinträchtigt?". Ein Pianist, der einen Finger verliert, erhält daher grundsätzlich dieselbe MdE wie ein Lagerarbeiter mit derselben Verletzung — die individuelle berufliche Betroffenheit spielt bei der Grundbewertung keine Rolle, kann aber in Ausnahmefällen über § 56 Abs. 2 Satz 3 SGB VII berücksichtigt werden.

MdE-Tabelle: Werte für häufige Verletzungen

Für zahlreiche Unfallfolgen haben sich über Jahrzehnte gerichtlicher und gutachterlicher Praxis Erfahrungswerte etabliert, die als Orientierung dienen — Rententabellen der Berufsgenossenschaften und der DGUV. Diese Werte sind keine starren Paragraphen, sondern Anhaltspunkte: Der Gutachter darf und muss im Einzelfall abweichen, wenn die Umstände es rechtfertigen.

Hinweis für Sie: MdE-Tabellenwerte sind Orientierungshilfen, keine Automatik. Zwei Gutachter können bei identischem Befund unterschiedliche MdE-Werte ansetzen — das ist ein Hauptgrund für Widersprüche.
Verletzung / UnfallfolgeÜbliche MdE-Erfahrungswerte
Verlust eines Daumensca. 30 %
Verlust von vier langen Fingern einer Handca. 40 %
Verlust beider Arme100 %
Verlust eines Beins im Unterschenkelca. 30 %
Verlust eines Beins im Oberschenkelca. 40 %
Handgelenksversteifung in Neutralstellungca. 25 %
Vollständige Sprunggelenkversteifung, ungünstige Stellungbis 30 %
Schultergelenkversteifung (Abduktion nur bis 30°)ca. 30 %
Erblindung eines Auges (anderes Auge gesund)ca. 25 %
Lärmschwerhörigkeit (BK 2301), leicht- bis mittelgradig (ab 40 % Hörverlust)ab 20 %
Beginnende, bemerkbare Hörminderung (ab 20 % Hörverlust)ca. 10 %
Wirbelsäulenschäden (Bandscheibe, Versteifung)stark einzelfallabhängig, Bandbreite meist 20–30 %

Diese Werte stammen aus anerkannten Rententabellen und Fachliteratur — insbesondere dem in der Praxis maßgeblichen Standardwerk "Schönberger/Mehrtens/Valentin" sowie DGUV-Konsenspapieren zu Gliedmaßenverlusten (Eckwerte-Aktualisierung 2019) und der Königsteiner Empfehlung für Lärmschwerhörigkeit. Die MdE wird dabei fast immer in Zehnerschritten vergeben — Zwischenwerte sind die Ausnahme. Bei komplexeren Verletzungen, insbesondere der Wirbelsäule, hängt die MdE von zahlreichen Einzelfaktoren ab (Fehlstatik, Bewegungseinschränkung, neurologische Ausfälle) und lässt sich nicht seriös auf einen einzelnen Tabellenwert reduzieren — hier lohnt sich fast immer eine juristische Prüfung des Gutachtens.

Augen und Ohren werden als Paarorgane bewertet: Maßgeblich ist nicht nur der Schaden am betroffenen Organ, sondern das verbleibende Gesamtleistungsvermögen beider Organe zusammen. Eine Sehschärfeminderung eines Auges auf 0,5 bei vollständig intaktem anderen Auge wird beispielsweise nur mit rund 5 % MdE bewertet — deutlich weniger, als Betroffene oft erwarten.

Ab welcher MdE gibt es überhaupt Verletztenrente?

Ein Anspruch auf Verletztenrente entsteht erst, wenn die MdE mindestens 20 Prozent beträgt und die gesundheitlichen Einschränkungen über die 26. Woche nach dem Versicherungsfall hinaus fortbestehen (§ 56 Abs. 1 SGB VII). Liegt die MdE darunter, gibt es grundsätzlich keine Rentenzahlung — mit einer wichtigen Ausnahme.

Der sogenannte Stütztatbestand: Wer bereits durch einen früheren Arbeitsunfall oder eine Berufskrankheit eine MdE von mindestens 10 Prozent hat und durch ein weiteres Ereignis eine zusätzliche MdE von wenigstens 10 Prozent erleidet, kann auch bei insgesamt unter 20 Prozent Anspruch auf Rente haben, wenn die Summe der MdE-Werte 20 Prozent erreicht. Das übersehen viele Betroffene mit Vorerkrankungen aus früheren Unfällen.

Verletztenrente berechnen: Die Formel mit Beispiel

Die Höhe der Verletztenrente ergibt sich aus zwei Faktoren: dem Jahresarbeitsverdienst (JAV) — dem Einkommen der letzten 12 Kalendermonate vor dem Unfall — und dem MdE-Grad. Bei einer MdE von 100 Prozent (Vollrente) erhalten Sie zwei Drittel Ihres Jahresarbeitsverdienstes. Bei niedrigerer MdE wird dieser Betrag anteilig gekürzt.

Formel:

Monatliche Verletztenrente = (Jahresarbeitsverdienst × 2/3) × MdE-Grad ÷ 12

Beispielrechnung: Jahresarbeitsverdienst 45.000 €, MdE 50 %:

(45.000 € × 2/3) × 50 % ÷ 12 = 1.250 € monatliche Verletztenrente

Der Jahresarbeitsverdienst wird nicht willkürlich festgesetzt — er berechnet sich aus dem tatsächlichen Arbeitsentgelt oder -einkommen der letzten 12 Monate vor dem Unfall (§ 82 SGB VII), mit Sonderregelungen bei Berufskrankheiten, Auszubildenden und Berufsanfängern. Für 2026 gilt: Der Mindest-JAV liegt bei 60 % der bundeseinheitlichen Bezugsgröße, also rund 28.476 € jährlich, der Höchst-JAV beim Doppelten der Bezugsgröße, also rund 94.920 € jährlich — auch bei nachweislich höherem tatsächlichem Verdienst wird darüber hinaus nicht mehr gerechnet. Ein zu niedrig angesetzter JAV wirkt sich genauso stark auf die Rentenhöhe aus wie eine zu niedrige MdE — beide Werte sollten Sie im Bescheid prüfen.

Verletztenrenten sind zudem einkommensteuerfrei und unterliegen nicht dem Progressionsvorbehalt — ein Vorteil gegenüber vielen anderen Rentenarten.

Wer setzt die MdE fest — und wie zuverlässig ist das?

Die Berufsgenossenschaft beauftragt einen medizinischen Gutachter, der Sie untersucht und einen MdE-Vorschlag macht. Die BG selbst trifft dann die rechtliche Entscheidung im Bescheid — sie ist an das Gutachten nicht zwingend gebunden, folgt ihm in der Praxis aber überwiegend.

Genau hier entstehen die häufigsten Probleme. Aus veröffentlichten Gerichtsentscheidungen lassen sich typische Gutachterfehler ablesen:

  • Fehlende Auseinandersetzung mit abweichenden Befunden anderer Ärzte oder Gutachter
  • Unzureichende Begründung, wenn von anerkannten Vergleichswerten der Fachliteratur abgewichen wird
  • Überbewertung von Schmerzen ohne nachweisbaren, objektivierbaren Funktionsverlust — Schmerzen allein begründen grundsätzlich keinen höheren MdE-Grad, nur wenn sie sich in einer dauerhaften, messbaren Funktionseinschränkung niederschlagen
  • Diagnostische Überinterpretation ohne anerkannte wissenschaftliche Kriterien, etwa bei komplexem regionalem Schmerzsyndrom ohne Erfüllung der international anerkannten Diagnosekriterien
  • Ignorieren objektiver Alltagsbefunde, die der behaupteten Einschränkung widersprechen

Auch werden Zweiterkrankungen, psychische Unfallfolgen (etwa eine Anpassungsstörung nach schwerem Arbeitsunfall) oder Wechselwirkungen mehrerer Beeinträchtigungen regelmäßig unterbewertet, weil sie in keiner Standardtabelle auftauchen. Wichtig zudem: Bewerten mehrere Fachärzte unterschiedliche Beeinträchtigungen, dürfen deren Einzel-MdE-Werte nicht einfach addiert werden (Doppelbewertungsverbot) — die Berufsgenossenschaft muss eine medizinisch begründete Gesamtschau vornehmen.

MdE zu niedrig eingeschätzt: Was jetzt zu tun ist

Gegen den MdE-Bescheid der Berufsgenossenschaft können Sie innerhalb eines Monats nach Zustellung Widerspruch einlegen (§ 84 Sozialgerichtsgesetz, SGG). Im Widerspruch sollten Sie das Gutachten konkret angreifen: Wurden alle Unfallfolgen erfasst? Wurde ein anerkannter Tabellenwert korrekt angewendet oder schematisch übernommen, ohne den Einzelfall zu würdigen? Hilft ein zweites, unabhängiges Gutachten weiter?

Bleibt der Widerspruch erfolglos, ist die Klage vor dem Sozialgericht möglich — dort prüft in der Regel ein gerichtlich bestellter Sachverständiger die MdE erneut, unabhängig vom BG-Gutachten. Sozialgerichtsverfahren sind für Versicherte gerichtskostenfrei (§ 183 SGG), was den Gang vors Gericht bei begründeten Zweifeln deutlich risikoärmer macht, als viele Betroffene annehmen.

Häufige Fragen

Kann sich die MdE nachträglich ändern, wenn sich mein Gesundheitszustand verschlechtert?
Ja. Verschlechtert sich der unfallbedingte Gesundheitszustand wesentlich, kann eine Neufeststellung der MdE beantragt werden. Eine wesentliche Änderung liegt in der Praxis meist bei einer Abweichung von mindestens 5 Prozentpunkten vor.

Wird die MdE bei mehreren Unfallfolgen einfach addiert?
Nein. Bei mehreren Beeinträchtigungen aus demselben Unfall wird die Gesamt-MdE als integrierende Gesamtschau gebildet — nicht durch simple Addition der Einzelwerte. Eine Verletzung an Bein und Hand ergibt also nicht automatisch die Summe beider Einzel-MdE-Werte.

Zählt mein tatsächlicher Beruf bei der MdE-Bewertung mit?
Grundsätzlich nicht — bewertet wird die Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Nur in Ausnahmefällen, wenn besondere berufliche Kenntnisse durch die Verletzung entwertet wurden und dies nicht anderweitig ausgeglichen werden kann, erlaubt § 56 Abs. 2 Satz 3 SGB VII eine Anhebung.

Was ist der Unterschied zwischen MdE und Grad der Behinderung (GdB)?
Die MdE bezieht sich ausschließlich auf Unfallfolgen und Berufskrankheiten im Rahmen der gesetzlichen Unfallversicherung. Der GdB nach dem Schwerbehindertenrecht erfasst dagegen alle gesundheitlichen Beeinträchtigungen unabhängig von ihrer Ursache. Beide Werte werden getrennt und nach unterschiedlichen Maßstäben festgestellt.

Lohnt sich ein Widerspruch bei einer MdE von 15 statt erhofften 20 Prozent?
Das kann sich erheblich lohnen, weil bereits 5 Prozentpunkte über die Anspruchsschwelle von 20 Prozent entscheiden — zwischen "keine Rente" und einer laufenden monatlichen Zahlung liegt hier oft nur eine gutachterliche Ermessensfrage.

Muss ich das Gutachten der Berufsgenossenschaft akzeptieren?
Nein. Das Gutachten ist eine fachliche Empfehlung, keine bindende Entscheidung. Sie können im Widerspruchsverfahren ein Gegengutachten vorlegen oder die medizinische Bewertung durch das Sozialgericht überprüfen lassen.

Wie lange dauert ein Widerspruchsverfahren gegen einen MdE-Bescheid?
Das variiert je nach Berufsgenossenschaft und Komplexität des Falls, üblich sind mehrere Monate, insbesondere wenn ein weiteres Gutachten eingeholt wird.

Zuletzt aktualisiert: Juli 2026


Hinweis: Die Inhalte dieses Beitrags dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine verbindliche Rechtsberatung dar. Jeder Fall ist individuell verschieden — gesetzliche Regelungen und Rechtsprechung können sich ändern. Für eine Einschätzung Ihrer persönlichen Situation stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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Kevin Pink

Kevin Pink, LL.B.

Registrierter Rentenberater · § 10 RDG · Gelsenkirchen

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